Industriedesign für B2B-Lösungen: Warum sie auch dort gebraucht werden, wo sie nicht sichtbar sind?

Industriedesign


In diesem Artikel zeigen wir, wie Industriedesign erfolgreich dort eingesetzt wird, wo ihm bisher keine Beachtung geschenkt wurde - bei Geräten für die Netzinfrastruktur, in der industriellen Automatisierung und bei Messgeräten.

Sie werden Beispiele dafür sehen, wie man mit Stil und kräftigen Farben unscheinbare oder offen gesagt hässliche Geräte visuell verwandeln kann. Dank dieses Ansatzes können sich Hersteller von der Konkurrenz abheben, den Umsatz steigern und potenzielle Kunden auf Messen gewinnen. 

Haftungsausschluss. Unser Geschäft ist die Entwicklung von Elektronik, nicht der Verkauf von Hardware. Alle in diesem Artikel genannten Geräte dienen nur als Beispiele.

Anders als bei Verbrauchergeräten im B2C-Markt, wo das Design im Vordergrund steht, wurden Industriekunden bisher nicht mit ansprechenden und farbenfrohen Produkten verwöhnt. Dies ändert sich jetzt rasant: Durch die Konzentration auf das Design hoffen B2B-Unternehmen, sich einen Wettbewerbsvorteil im Kampf um den Kunden zu verschaffen. Schauen wir uns an, wie dies in verschiedenen Segmenten funktioniert.

 

1. Netzwerkgeräte für die Telekommunikation: Industrielle Switches, Server und Router

Links - Standard-Router, rechts - die ungewöhnlichen orangefarbenen ASR 8000-Router der schwedischen Firma Waystream und die azurblaue MACH1000-Serie der deutschen Firma Hirschmann

 

Auf dem Markt gibt es eine Vielzahl von Switches für Server-Racks oder -Schränke. Die meisten sehen so aus wie auf dem Bild links: schwarz, aus Metall, mit vielen Anschlüssen und einem einzigen dekorativen Element - dem Logo des Herstellers.

Man könnte meinen: kaufen, in einen Serverraum stellen und vergessen, denn dort schaut niemand hin, außer den Systemadministratoren. Aber was soll man kaufen, wenn es so viele Angebote mit ähnlichem Preis und vergleichbarer Leistung gibt? Wenn sich die Geräte in ihren Eigenschaften kaum unterscheiden, ist es einfacher, sich für das Gerät zu entscheiden, das einem auf den ersten Blick gefällt, d. h. das schöner aussieht. Und wenn Sie mehrere Switches im gleichen Design kaufen, wird auch der Serverraum schöner. :-)

Und da stellt sich heraus, dass das Design einen Unterschied machen kann: Potenzielle Käufer filtern die Liste der Angebote nach Preis und Leistung und schenken dann Geräten mit ungewöhnlichen Farben und unkonventionellem Gehäusedesign besondere Aufmerksamkeit - nur, weil sie sich von anderen herkömmlichen Lösungen abheben.

 

Der 52-Port-Gigabit-Switch des chinesischen Herstellers TP-Link JetStream ist eine traditionelle Lösung, von denen es viele gibt

 

Das US-amerikanische Unternehmen Extreme Networks hat seine Switches der Serie 5420 auf den Markt gebracht und alle Geräte lila lackiert.

 

Und schauen wir uns auch die neuen Telekommunikationsgeräte eines globalen Herstellers an. Das amerikanische Unternehmen Dell hat die Herausforderung verstanden und viel Arbeit in das Design gesteckt:

 

Die Server- und NAS-Produktreihe von Dell ist stylish, hochwertig und einprägsam - sie erinnert an das Design von Gamer-Computern

 

2. Reflektometer

Reflektometer - Messgeräte zur Fehlersuche in Kabelleitungen - sind eine weitere Produktart aus der Welt der Netzwerkinfrastruktur. Von Anfang an waren diese Geräte ansprechend gestaltet, weil die Hersteller sofort erkannt hatten, dass es sich um Spezialgeräte handelte, die praktisch sein und gut aussehen müssen, um ihre hohen Kosten zu rechtfertigen.

Aber auch in diesem Marktsegment gibt es spürbare Fortschritte: Ältere Modelle werden ausgemustert und durch Versionen mit modernem Design ersetzt, die nicht nur mit einer neuen Farbgebung und neuen Tasten aktualisiert, sondern völlig neu konzipiert wurden.

Ein Beispiel dafür ist das litauische Unternehmen Lifodas, das seine Geräte unter der Marke FOD vertreibt:

 

 

Vor einigen Jahren hat Lifodas sein Reflektometer-Sortiment überarbeitet und dabei besonderes Augenmerk auf den Schutz vor Stößen und Feuchtigkeit sowie auf Displays mit einer komfortablen Benutzeroberfläche gelegt.

 

Geräte mit einem veralteten Designkonzept büßen nun deutlich gegenüber ihren Konkurrenten ein:

 

Die TOPAZ-Serie der russischen Firma SvyazService und das Reflektometer Quant von KB Svyaz im Old-School-Design

 

Optische Multisensor-Reflektometer von zwei chinesischen Unternehmen: APL-2 Tribrer und FirstFiber 9000PRO-S1

 

Betrachtet man den Reflektometer-Markt insgesamt, so ist ein Trend weg von einem vertikal ausgerichteten Gehäuse hin zu einem horizontalen Tablet-Format mit größerem Display erkennbar. Einige Modelle mit Drucktasten wurden auf Touchscreen-Bedienung umgestellt.

 

3. Industrielle Steuerungen und Automaten

Werfen wir nun einen Blick in die Welt der industriellen Automatisierung. Beginnen wir mit den Steuerungen. Auf den ersten Blick sehen sie alle gleich aus, nur das Logo ist anders. Design scheint hier weder notwendig noch wichtig zu sein. 

 

Auf dem Bild - Industriesteuerungen der chinesischen Firma Xinje

 

Man kann davon ausgehen, dass auch Industriedesigner an der Gestaltung der Xinje-Geräte beteiligt waren. Denn selbst so einfache Gehäuse mussten gezeichnet werden, das 3D-Modell und das Design mussten ausgearbeitet werden, um in die Massenproduktion gehen zu können. Aber in diesem Fall wurde das Design nicht dazu genutzt, potenzielle Käufer zu beeinflussen. Die Produkte wirken langweilig, veraltet und billig.

Betrachten wir nun die ersten zaghaften Versuche von Steuerungsherstellern, das Design zur Gestaltung der Corporate Identity ihrer Produkte einzusetzen:

 

Die Unternehmen Hager und ABB haben eine Reihe von Leistungsschaltern mit charakteristischen Streifen und farbigen Kappen auf den Markt gebracht. Eine Kleinigkeit, die aber schon mehr Spaß macht als die chinesischen Modelle oben.

 

Die Koreaner von LS Electric (Bild unten) sind bei der Farbgebung noch weiter gegangen. Und natürlich darf einer der Weltmarktführer der Industrieautomation nicht fehlen: Bosch. Einfachheit und die Kraft der Marke stechen in diesem Fall hervor. Die Bosch-Steuergeräte wirken unauffällig, ordentlich und klar, ohne optische Störungen:

 

Schutzschalter von LS Electric (links) und Steuerung von Bosch (rechts)

 

Der interessanteste Teilnehmer dieses Segments in unserem Test ist das russische Unternehmen Sigur, das eine ganze Reihe von Controllern neu gestaltet hat, und das auf spektakuläre Weise. Wir selbst haben ihre Produkte auf der letzten Messe für Industrieautomation Promavtomatika in Moskau mit großem Interesse studiert. Die Geräte am Stand des Unternehmens stachen durch einen hohen Wiedererkennungswert hervor:

 

Steuerungen der Sigur-Reihe

 

Auf dem Bild: Schutzrelais- und Automatisierungsgeräte der russischen Firma Radius Automation

 

4. Schutzrelais- und Automatisierungsgeräte

Im letzten Teil unserer Übersicht werfen wir einen Blick auf Schutzrelais- und Automatisierungsgeräte. Solche Industrieausrüstungen finden Sie in Fabriken oder auf einer Fachmesse. Die Geräte scheinen zu funktionieren, sie erfüllen ihre Aufgabe zuverlässig, und das ist ausreichend, denn außer dem Wartungspersonal bekommt sie niemand zu sehen. Aber die Kaufentscheidung wird von Menschen getroffen, und Menschen legen Wert auf Ergonomie und Ästhetik.

Schutzrelaisgeräte verschiedener Hersteller sind ähnlich aufgebaut: Display, Tastatur, LED-Anzeige und die Anschlüsse befinden sich auf der Vorderseite des Gehäuses, während alle unsichtbaren Teile der Rückwand in das Gehäuse integriert sind. Hier enden die Gemeinsamkeiten und beginnen die Unterschiede.

Beginnen wir mit den unglücklichen Beispielen, sowohl in Bezug auf Ästhetik als auch auf Benutzerfreundlichkeit:

 

Vor allem bei der Lösung von ABB (links) hätte das Tastenfeld viel besser umgesetzt werden können. Rechts ist das Mikroprozessorgerät ImPR1 des ukrainischen Unternehmens Impulse zu sehen

 

Wie sehen nun erfolgreiche Lösungen aus? Siemens ist Vorreiter beim Design solcher Geräte. Sie haben ihre Serie in einem einheitlichen Stil mit einer angenehmen Farbgebung und guter Ergonomie entwickelt. Aber es handelt sich um ein großes internationales Unternehmen, deren Ruf es nicht zulässt, schlecht abzuschneiden. Siemens verfügt über eine eigene Industriedesign-Abteilung, die sich darum kümmert. Der Fairness halber wollen wir ein Beispiel für gutes Design solcher Terminals vom russischen Unternehmen Radius Automation anführen:

 

Das Multifunktionsgerät SIPROTEC 7SL87 von Siemens und das Universalterminal Sirius-2L-02

 

Die beiden Hersteller haben nicht nur die Folientastaturelemente gut strukturiert, sondern auch ein durchdachtes Gehäuse mit Kunststoffteilen und geschickt geschützten Anschlüssen entworfen.

Die Herangehensweise an die Entwicklung von B2B-Elektronik ändert sich gerade rasant, nicht nur im Bereich der industriellen Automatisierung und der Netzwerkinfrastruktur. Wahrscheinlich haben Sie selbst bemerkt, dass auch in anderen Segmenten optisch ansprechende Lösungen entstanden sind: beeindruckende Medizingeräte, auffällige Lösungen für das Bauwesen und die professionelle Reinigung. Sie sind Ihnen möglicherweise beim Besuch privater oder ausländischer medizinische Einrichtungen aufgefallen. Sicher wissen Sie, wie cool die Reinigungsgeräte von Kärcher aussehen. :-) Und auf dem Titelbild dieses Artikels haben Sie vielleicht die eleganten Kräne von Konecranes bemerkt, die einen Industriedesignpreis gewonnen haben.

Damit können wir nun die eingangs gestellte Frage zusammenfassen und beantworten:

Welchen Zweck erfüllt Industriedesign dort, wo es unsichtbar zu sein scheint - bei industriellen B2B-Lösungen?

  1. Höhere Wettbewerbsfähigkeit und Kundenbindung. Unternehmen auf der ganzen Welt wechseln heute zu einem neuen Ansatz bei der Gestaltung ihrer Produkte, und Sie werden mit ihnen nicht nur in Bezug auf Preis oder Funktionalität, sondern auch im Design konkurrieren müssen.
  2. Gesteigerter Produktwert durch verbesserte Ästhetik. “Hässlichkeit verkauft sich schlecht”, sagte der bekannte amerikanische Designer Raymond Lowy und unterstrich damit den kommerziellen Wert von Design. Auf dem B2B-Markt treffen nicht die Endverbraucher die Kaufentscheidung, sondern deren Manager, die sich auch vom Aussehen des Produkts leiten lassen. Sie kaufen lieber etwas, das im Vergleich zur Konkurrenz schöner, moderner und klarer aussieht.
  3. Begründung von Preisunterschieden in der Modellreihe. Es ist weniger störend, für etwas Schönes mehr zu bezahlen. Aber wenn ein Produkt teuer ist, sollte es auch gut aussehen. Design hilft, die Kosten zu rechtfertigen.
  4. Der Ruf eines Unternehmens. Design trägt dazu bei, Vertrauen in eine Marke aufzubauen, und schafft ein Gefühl für ihre Stabilität und Einzigartigkeit.
  5. Ein einheitlicher Stil ist eine gute Verkaufsstrategie. Wenn das Produkt kein Einzelstück ist, sondern Teil einer Geräteserie, erhöht ein einheitliches Design die Chancen auf zusätzliche Verkäufe anderer Geräte der Serie.
  6. Vorteilhaft für die Werbung und Teilnahme an Fachmessen. Ein Produktstand mit innovativem Design sorgt für zusätzliche Aufmerksamkeit.
  7. Entwicklung der Exportziele. Produkte mit veraltetem Design können sich auf dem heimischen Markt einee Weil halten, sind aber auf dem Weltmarkt nicht mehr wettbewerbsfähig.
  8. Erhöhter Komfort und Benutzerfreundlichkeit. Ein verbraucherorientiertes Design macht das Produkt benutzerfreundlicher und sicherer.
  9. Die Möglichkeit, die Serie zu aktualisieren. Bei der Entwicklung einer neuen Designversion kann der Austausch von Bauteilen in Betracht gezogen werden, wodurch vermieden wird, ein neues Gehäuse zu entwerfen.
  10. Reduzierte Produktionskosten. Design-Updates können nicht nur das Erscheinungsbild verbessern, sondern auch dazu beitragen, die Produktionskosten zu senken, indem Teile reduziert, Materialien und andere Eigenschaften geändert werden - ohne Funktionalität oder Ästhetik einzubüßen.

Angesichts der Designaufträge, die wir von Unternehmen aus dem Ausland erhalten, und der neuen Lösungen, die auf internationalen Messen vorgestellt werden, gibt sich der B2B-Markt nicht mehr allein mit der Funktionalität seiner Produkte zufrieden gibt. Die Unternehmen verfolgen einen neuen Designansatz, indem sie interne Industriedesigner einsetzen oder das Design auslagern, um eine neue Perspektive auf ihr vertrautes Produkt zu gewinnen und dessen Aussehen, Haptik, Technologie, Materialien und Möglichkeiten der Serienproduktion zu überdenken.

 

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